Autonome, Soziale, Soziokulturelle Zentren
zwischen Autonomie und Sozialarbeit

Selbstverwaltete/soziale/autonome/Jugendkultur-/Zentren waren in den 80er Jahren und sind immer noch eine wichtige Plattform, um in lokale und Kultur und Politik „von unten“ zu intervenieren. Ich habe meine Erfahrungen mit selbstverwalteten Strukturen u.a. in mehreren Zentren und Zentrumsinitiativen gemacht und bin heute noch im Autonomen Zentrum in Wuppertal aktiv. In den 90er Jahren habe ich das autonome Jugendkulturzentrum in Mülheim mit aufgebaut und im Jugendkulturzentrum Druckluft in Oberhausen mitgearbeitet.

Die Beispiele Oberhausen, Mühlheim und Wuppertal 

49.jpgDiese drei Zentren unterscheiden sich erheblich, was ihre Konzepte und Strategien gegenüber kommunaler Verwaltung + Politik angeht:
Das Oberhausener Druckluft, das seit über 26 Jahren existiert, funktioniert mit einer hauptamtlichen Struktur und ist abhängig von städtischen Zuschüssen. Gleichzeitig gibt es dort mehrere ehrenamtliche Gruppen, die Kulturarbeit und/oder politische Arbeit machen.
Das AZ in Mülheim ist Mitte der 90er Jahre aus einer Besetzung heraus entstanden. Auch hier fließen öffentliche Mittel in erheblichem Umfang, es gibt bezahlte Stellen – allerdings auf sehr niedrigem Lohnniveau und mit hoher Fluktuation.
Das Wuppertaler AZ bekommt keine städtischen oder sonstigen öffentlichen Gelder und läuft ausschließlich durch ehrenamtliche Arbeit. Nur das Gebäude selbst wurde – nach unzähligen Besetzungen, Räumungen und Wiederbesetzungen seit den 70er Jahren – von der Stadt Wuppertal mietfrei zur Verfügung gestellt.

Tendenziell – und das lässt sich wohl verallgemeinern - machen die Zentren, die gefördert werden, schwerpunktmäßig mehr Kulturarbeit und schränken ihre politische Arbeit eher ein, wohingegen finanziell unabhängige(re) Zentren weniger Kultur machen und ihren Schwerpunkt auf politischer Arbeit haben. Das liegt sicherlich auch daran, dass Kulturarbeit werbewirksamer und förderungswürdiger zu vermitteln ist als politische Arbeit, bzw. dass politische Arbeit unter Umständen sogar zum Streichen von Geldern führen kann. Allerdings ist auf der anderen Seite bei den Zentren ohne öffentliche Kohle das Problem, dass Kulturarbeit viel Geld verschlingt, d.h. sie können sich weniger Kulturevents leisten (oder nur die Bands, Theatergruppen u.s.w., die für lau oder auf Eintrittsbasis auftreten – oft Schrömmel-Punkbands, die nicht jedermenschs Geschmack treffen

Selber-Machen:
Bei aller Unterschiedlichkeit dieser Zentren kann man trotzdem festhalten, dass alle konzeptionell kritisch gegen staatliche/kommunale und andere etablierte Institutionen eingestellt sind, und zwar vor allem gegenüber traditionellen Formen von Sozialarbeit, die als bevormundend und repressiv abgelehnt wird. Gegen die sozialarbeiterische Bevormundung von Jugendlichen halten alle Zentrumsleute (zumindest rhetorisch) das „Primat des Selber-Machens“ hoch: Die NutzerInnen des Zentrums sollen keine reinen „KonsumentInnen“ sein, sondern das Zentrum selbst gestalten und mitbestimmen; ehrenamtliche Mitarbeit und Beteiligung an den Entscheidungsgremien wird deshalb wichtig gefunden und oft auch eingefordert. Bei vielen – sowohl Haupt- als auch Ehrenamtlichen - gibt eine enorme Identifikation mit dem Zentrum und einen unglaublichen Anspruch an sich selbst und andere, oft für lau einen Full-Time-Job abzureißen. Das führt nicht selten zu Formen von Selbstausbeutung mit einer Arbeitsmoral, von denen mancher Arbeitgeber nur träumen kann.
Selbstbestimmung und Eigeninitiative macht eben eine Menge Arbeit, und viele Leute in den Zentren sind bereit, dafür Opfer zu bringen, manchmal bis an die Grenzen ihrer Substanz.

Strukturell bedeutet das, dass bestimmte Leute weitgehend aus dem (inner circle des) Zentrumsleben ausgeschlossen werden:

a) Leute, die lohnarbeiten oder Kinder haben oder aus anderen Gründen über wenig Zeit verfügen. Man muss es sich im Wortsinne „leisten können“, in einem selbstverwalteten Zentrum unbezahlt oder bestenfalls unterbezahlt zu arbeiten.
b) in dem bevorzugten Entscheidungsgremium, der „Vollversammlung“, herrschen bestimmte Diskursformen und Konfliktbearbeitungsmethoden vor, die bestimmt werden von Studis / Mittelschichtsmilieu. Leute mit Bildung wissen sich oft am besten auszudrücken und geben das Setting vor (viel Diskutieren in großen Gruppen, Aushandeln, Diskursmächtigkeit / rhetorische Auseinandersetzungen). Dies ist eher abschreckend für junge Leute aus anderen Milieus (vor allem Arbeiterklassejugendliche), und wenn sie sich doch versuchen einzubringen, ecken sie oft an, weil sie sich in den politisch (radikal)linken sozialen Codes nicht zurechtfinden. Interessant sind jedenfalls die Auseinandersetzungen, die vor allem in + mit Jugend-Antifagruppen entstehen: Die häufigen Konflikte um Mackergehabe und bestimmte Codes von Männlichkeit und Coolness haben sicher auch einen schicht- und klassenspezifischen Hintergrund. Jedenfalls ist zu beobachten so dass Arbeiterklassenjugendliche sich tendenziell lieber in der Jugend-Antifa (die häufig genug für ihr Mackergehabe kritisiert wird) engagieren, als in der Straßentheatergruppe oder im Marx-Lesekreis.
c) Ebenfalls mittelschichtspezifisch ist die „Kultur des Selbermachens“ und des „Freiräume selbst Gestaltens“: Jugendliche oder junge Erwachsene aus der Arbeiterklasse sind von der „breiten Palette der Möglichkeiten“ und von den Ansprüchen, die in solchen Räumen an sie gestellt werden, oft zunächst eher verunsichert, - oder sie können schlicht nichts damit anfangen. (ein ähnliches Phänomen kann man in den Unis beobachten, wo die Beliebigkeit und Unübersichtlichkeit des universitären Angebots gerade auf Bildungsaußenseiter aus der Unterschicht abschreckend und verunsichernd wirkt.) Das soll nicht heißen, dass es keine Arbeiterkids gäbe, die selbstverwaltete Zentren nutzen und wichtige Rollen darin spielen – wichtig ist nur, zu sehen, dass der kulturelle Code für Mittelschichtkids tendenziell leichter zu entschlüsseln und deshalb attraktiver ist.

Dies bedeutet: Selbstverwaltete Zentren werden vor allem von Mittelschicht-Leuten mit Bildungshintergrund geschmissen, häufig von Studies oder Leuten, die sich irgendwie anders finanzieren oder durchzuwurschteln wissen. Auf jeden Fall sind es Leute, denen soziale Anerkennung für ihr Engagement in ihrer Gruppe wichtiger ist als materielle Werte. Überspitzt ausgedrückt, sind die Zentren sind eine linksradikale, bildungsbürgerliche Veranstaltung.

Unterschichtkids „konsumieren“ das Zentrum eher. Sie sind es auch, die die gefürchtete und verabscheute „Sozialpädagogisierung“ oft allein durch ihre Anwesenheit im Zentrum vorantreiben. Auch die Anwesenheit von Drogis und Alkis, die in anderen Kneipen und Orten vielleicht schon längst nicht mehr geduldet werden, produziert Spannungen, auf die reagiert werden muss und auf die i.d.R. (auch) in sozialarbeiterischer Weise reagiert wird. Das Wuppertaler AZ beispielsweise kommt an Kneipenabenden gar nicht darum herum, mit seinen Gästen „sozialpädagogisch“ umzugehen: Entweder durch wiederholte Apelle an die Eigenverantwortung, den versifften Kneipenraum auch wieder sauber zu machen, Flaschen zurückzubringen, keine harten Drogen zu konsumieren, oder durch Hausverbote bei Pöbeleien. Kurzfristigen Hausverboten folgt i.d.R. die Einladung zum Plenum, damit die Leute sich rechtfertigen/entschuldigen/Besserung geloben können.


Etablierung / Sozialpädagogisierung

Es gibt eine Tendenz zur „Etablierung“ oder bei Zentren, die schon länger bestehen (handzahm werden, Zuschüsse akzeptieren, Allianzen mit alten „Feinden“ u.s.w..) Das hat mit Verschleißerscheinungen zu tun, damit, dass die Leute müde werden permanent kämpfen zu müssen, oder es leid sind oder es sich einfach nicht mehr leisten können, unbezahlt zu malochen(das hat auch mit „Erwachsenwerden“ zu tun). Um diese Tendenzen gibt es in jedem Zentrum immer wieder – mal heftiger, mal weniger – interne Auseinandersetzungen.

Die Kommunen sind sich durchaus im klaren darüber, dass die autonomen Zentren u.a. Auffangbecken für soziale Problemgruppen sind und – in welcher Form auch immer – für diese Gruppen kulturelles und pädagogisches Angebot bereitstellen, das keine städtische Einrichtung so kostengünstig anbieten würde. Für die Zentren, die mit öffentlichen Zuschüssen arbeiten, gilt:
In Zeiten knapper Kassen stellen die selbstverwalteten Zentren mit ihrer Fähigkeit, zu improvisieren, Ehrenamtliche zu mobilisieren und mit einem Minimum an Ressourcen zu arbeiten, tatsächlich eine Möglichkeit dar, die kommunalen Sozialausgaben „gesundzuschrumpfen“.
Zumindest stellen sie Räume dar, in denen Protest und Frust auffangen werden kann– allerdings nicht unbedingt in gesellschaftskonformer Art und Weise, weshalb zu fragen wäre, ob diese Prozesse (in der Stadtkämmerei oder beim Jugendamt) tatsächlich rational beabsichtigt und geplant werden, oder ob sie einfach nur ein Nebenprodukt neoliberaler Umstrukturierung sind, das (von unten wie von oben) produktiv genutzt werden könnte?
Auch bei den selbstverwalteten Zentren wird - wie bei kirchlichen und öffentlichen sozialen Einrichtungen auch hier der Geldhahn immer weiter zugedreht, während die Frage, wie man mit so geringen Mitteln überhaupt noch arbeiten kann, den Zentren selbst überlassen wird.
Nicht selten wird die Unterstützungen explizit an Konditionen gebunden und als Druckmittel verwendet: Im Oberhausener Druckluft geht die Stadt so weit, dringend benötigte Gelder (bzw. ein gutes Wort bei der Landesregierung) in Aussicht zu stellen – unter der Bedingung, dass Druckluft sich um Jugendliche in einem nahe gelegenen „benachteiligten Stadtteil“ kümmert. Brennpunkt- und Zielgruppenarbeit gehörte bislang jedoch gar nicht zu den selbstgesetzten Kernaufgaben des Zentrums.

Die Debatte ob und wann die Zentren „systemstablisierend“ wirken, dreht sich oft vor allem darum, ob man an einem Fördertopf hängt oder nicht und ob die Arbeit dadurch „von oben“ beeinflusst wird. Wie das Beispiel zeigt, ist die Geldfrage durchaus entscheidend. Allerdings ist sie meiner Meinung nach nicht die einzig entscheidende Frage. Denn: Abhängigkeit ist zunächst einmal immer gegeben, gleichgültig, ob Gelder fließen, oder ob es nur (?!) um die Infrastruktur geht, die die Kommune zur Verfügung stellt. Selbst im Falle von Besetzungen hängt man von dem goodwill der Politik ab, nicht geräumt zu werden.
Die Frage, ob diese Zugeständnisse zurückgenommen werden (Gelder gestrichen, Gebäude gekündigt oder geräumt werden...) hat in erster Linie. mit dem Nützlichkeitskalkül der Kommune zu tun (der Frage, was bringt das Zentrum der Stadt an Prestige oder billiger sozialer Arbeit) und in 2. Linie mit den realen Kräfteverhältnissen (der Frage, was passiert in der Stadt nach einer Räumung/Schließung des Zentrums).
Allerdings macht die finanzielle Abhängigkeit einen qualitativen Sprung, sobald Existenzen davon abhängen. In dem Moment, in dem Leute bezahlt in einem Zentrum arbeiten, verändert dies das Verhältnis zu den Geldgebern und zugleich die Struktur der Gruppe, die das Zentrum trägt. War vorher das Zentrum Mittel zum Zweck, so wird nun das Zentrum als Institution auch zu einem Zweck an sich, während die politische und kulturelle Arbeit zum Mittel wird (wenigstens für die Personen, deren Einkommen am Fortbestehen des Zentrum hängt, aber oft auch für deren FreundInnen und GenossInnen). Es ist dann nicht mehr „nur“ das Engagement und die Selbstaufopferung der Einzelnen, die zusätzlich mobilisiert werden kann, sondern auch die Verantwortung gegenüber den „Hauptamtlichen“.
(im AZ Mülheim wollte man diesem Problem vorbeugen, indem man den Geldbetrag, den man im Zentrum verdienen konnte, bewusst so niedrig hielt, dass „keineR nur von Zentrum leben können soll“. Absurderweise allerdings stellte sich irgendwann heraus, dass es trotzdem Leute gibt, die es „irgendwie“ schaffen, von ihrem AZ-Gehalt zu existieren, - weil sie keine andere Einkommensquelle haben).

Ein goldener Weg? 

Eine goldene Lösung aus dem Dilemma gibt es meiner Meinung nach nicht
Es kann meiner Meinung nach nicht darum gehen, Werte wie Eigeninitiative und Selbstbestimmung nun rundweg abzulehnen, nur weil sie im neoliberalen Spardiskurs wunderbar mobilisiert und ausgebeutet werden können. Es kann andersrum auch nicht darum gehen, öffentliche Gelder und Zuschüsse generell abzulehnen, weil dadurch die Konzeption und radikal-staatskritische Haltung den Bach runter geht. Ganz im Gegenteil, mit dem Verzicht auf öffentliche Mittel – und ggfs. sogar der Aufforderung an andere, ebenfalls zu verzichten – spielt man dem Sozialkahlschlag eher noch in die Hände.
Im Grunde könnte eine gemeinsame Forderung dahin gehen, dass ein Rechtsanspruch für Eigeninitiativen und gesellschaftliches Engagement wie selbstverwaltete Zentren formuliert wird, damit ihnen die notwendigen Ressourcen für ihre Arbeit auch zur Verfügung gestellt werden. Die Frage ist dann, wer entscheidet nach welchen Maßgaben darüber, welche Eigeninitiative einen solchen Anspruch erhält. Dass das nicht ohne politische Abwägung der sozialen Richtung dieser „Eigeninitiative“ geschehen kann und nicht gehen sollte, wird spätestens dann evident, wenn man sieht, dass es auch Neonazis gibt, die Häuser besetzen und selbstverwaltete „nationale Zentren“ aufbauen.


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