Die Ebene des Symbolischen

Zunächst möchte ich mich für die Einladung durch das Münsteraner Institut für Theologie und Politik ganz herzlich bedanken. Die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen des ITP ist immer eine Freude. Uns verbindet eine tiefe Freundschaft.
Alvin Toffler schreibt in seinem Mitte der 1980er Jahre veröffentlichten Buch "Die dritte Welle", dass "die Komplexität der dritten Welle zu groß ist, um durch eine zentrale geplante Bürokratie organisiert werden zu können. Auflösung der Massen, Personalisierung des Konsumenten, Individualität, Freiheit, das sind die Schlüssel des Erfolgs für eine Zivilisation der dritten Welle" (zit. Mattelart, 2002). Die Entwicklung von der Industriepolitik zum Zeitalter des Wissens soll in der Durchbrechung der Schranken für den Wettbewerb gründen. Es geht um eine Welt, in der die Bedingungen geschaffen werden, dass der Wettbewerb zum Motor wird, vor allen Dingen auf der Ebene der massiven Organisation der Telekommunikation und der elektronischen Datenverarbeitung.

berlin1.jpg"Eine Welt ohne Mauern", das klingt wie eine große Anfrage an die gegenwärtige deutsche Gesellschaft. Begriffe wie flache Hierarchien, Transparenz, Mobilität, Flexibilität, Selbstbestimmung, Zivilgesellschaft stellen die Basis dar für ein zentrales Paradigma, in dessen Zentrum der Unternehmer steht. Er steht für Initiative und Leistung. Zum Zweck der Weiterentwicklung und der Nachhaltigkeit dienen ihm die Informationstechnologien, auch Organisationstechnologien genannt. Damit ist sein Ziel, nach und nach die modernen gesellschaftlichen Beziehungen zu beeinflussen. Anders gesagt: Auf die Art und Weise weiter zu beeinflussen, wie schon die Menschheit in diesem Jahrhundert beeinflußt wurde.
Die Macht, die wir kennengelernt haben und durch die der moderne Staat und die Privatwirtschaft strukturiert ist, hat sich verändert, hat bestimmte Formen und Logiken ausgeprägt, Arten und Weisen, die aktuell das Gesamte der gesellschaftlichen Beziehungen gestaltet und beeinflußt.
Und damit sind wir bei einer ersten Frage, die wir uns stellen müssen: Sind wir uns der Veränderungen bewußt, die die Macht im Kontext dieser neuen Gesellschaft durchlaufen hat? Kennen wir den sozio-kulturellen, den kommunikativen, den symbolischen Hintergrund der neoliberalen Reformen?

Man muss die tiefere Logik durchdringen, die es erlaubt, dass sich dieses Modell ausweitet. Der Kapitalismus hat Wege gesucht und neue Formen gefunden, seine Entwicklung fortzusetzen. Heute wird dies massiv durch die technologischen Entwicklungen unterstützt, die es ermöglichen, alles zu integrieren, Begrenzungen in der Welt zu überwinden, es ermöglichen, dass die Bedeutung des Physischen, des Funktionalen, des Virtuellen langsam ihren Sinn verlieren. Sie ermöglichen die Zusammenführung von Prozessen, die bisher durch Raum und Zeit strikt getrennt waren, wie z.B. die Produktion materieller und symbolischer Güter, die online an verschiedenen Orten des Planeten geschieht. Dies führt zum symbolischen Verschwinden der Räumlichkeiten wie "das Internationale" und "das Nationale", aber auch die Bedeutung des "Globalen" und des "Lokalen" verschwindet, was sich daran zeigt, dass diese Begriffe heute schon vielfach durch das "Glokale" ersetzt werden.
Der katalanische Soziologe Manuel Castells (zit. nach Mattelard) schreibt: "Die Art der Entwicklung im Bereich der Informationen bleibt strukturiert durch und ist zu Diensten des Gesamtes der Eigentumsverhältnisse mit dem Ziel der Akkumulation, nicht umgekehrt ... dies ist eine Entwicklung, die eine Demokratisierung verschiedener Bereiche der Gesellschaft zu erlauben scheint, indem sie Hierarchien abbaut. Aber wenn man genauer hinschaut, auf die Ergebnisse sieht, ist es eine Entwicklung, die in Händen derjenigen liegt, die mit Macht die Technologien nutzen und die Bedingungen der Entwicklung festlegen."

portoalegre1.jpg Im Kontext dieser Veränderungen bekommen die Produktionsverhältnisse den Anschein, als ob es auch um Demokratisierungsprozesse ginge: das Versprechen, dass ein Zugang für alle in einem System der vernetzten Arbeit zum Wohle aller sein wird, verborgene Vorgänge, die sich an der Kenntnis der Person und an einer Bewertung der Fähigkeiten des Arbeiters orientieren, vor allem an seinen Fähigkeiten zur Anpassung auf der Basis eines harten Wettbewerbs und im Kontext eines an Fachkräften saturierten Marktes. Es ist ein Führungsmodell auf der Basis einer neuen, einer kontrollierten Gesellschaft. Es findet täglich statt und geht mit einer Ästhetik einher, die in der Regel den Kriterien der Flexibilität unterliegt, in der sich aber gleichzeitig die Ausbeutung der Fachkräfte verbirgt. Diese sollen die Probleme selbst lösen, die ihre Funktion als Arbeiter aufwerfen, und zwar sollen sie sie lösen in den Stunden, die sie mehr arbeiten als sie bezahlt werden.. Auf diese Weise beginnen wir, uns in eine Gesellschaft größter Kontrolle zu integrieren, jene Kontrollgesellschaft, die die Disziplingesellschaft, wie wir sie bis heute kennen und die die Gesamtheit der uns bekannten Institutionen reguliert, wie z.B. Staat und Regierende, Schule, Medien... , ablöst.
Diese allgemeine Diagnose zusammenfassend: Die neoliberalen Reformen basieren auf Zielen, die die Sozialisationsformen der Individuen gefährden. Sie drängen auf Veränderungen in Formen und Werten im Verhalten der Menschen, was letztlich auf eine funktionale Ersetzung zielt, und zwar in Richtung auf ein neues Produktionssystem.
Im Unterschied zu den Modernisierungsprozessen des 19. und 20. Jahrhunderts -auch wenn Lateinamerika sie erst seit Beginn des 20. Jahrhunderts erfahren hat - sind diese Sozialisationsprozesse aufgrund ihrer geplanten Umsetzung im Bereich der Kommunikation höchst effizient.
Der italienische Soziologe Alberto Melucci beschreibt diese Vorgänge so: Wir erleben eine Umgestaltung der Gesellschaft, nicht nur in der Gesellschaft. "Wir leben in einer Gesellschaft, die das durchquert, was wir als 'Scharnier" beschreiben können. Die klassischen Merkmale der Moderne verlieren in zunehmendem Maß ihre Bedeutung, aber leider taucht das Profil der neuen gesellschaftlichen Phase nicht im Geringsten wirklich schon auf. Was wir mit Sicherheit wissen ist, dass die Veränderungen als irreversibel erscheinen und zugleich den ganzen Planeten und alles Leben auf ihm betreffen."
In diesem Sinn denke ich, dass es keine Kontinuität in den Organisationsformen der Gesellschaft gibt. Die vorherigen, die modernen Organisationsformen der Gesellschaft werden langsam verschwinden, werden ersetzt durch andere Formen.
Um diese These der Diskontinuität zu stärken, können wir uns Beispiele aus dem Bereich der revolutionären Entwicklungen in Biotechnologie, Genetik und Neurowissenschaften ansehen. Dort können wir sehen, dass nicht einmal die biologischen Grundlagen der Existenz dem menschlichen Eingriff entzogen sind. Für das moderne menschliche Handeln ist charakteristisch, in die äußere Natur einzugreifen. Im gegenwärtigen System wird zunehmend in das menschliche Handeln selbst eingegriffen, man greift in unsere grundlegenden und biologischen Strukturen ein.

sao2.jpg Eine andere Linie zur Begründung der These der Diskontinuität in den gesellschaftlichen Formen führt in die Analyse der Individualisierungsprozesse. Mitte der 80er Jahre hat der französische Philosoph Gilles Lipovetsky diesen Prozess der Personalisierung bearbeitet und seine These in seinem Text "La Era del Vacio" (dt. Das Zeitalter der Leere) veröffentlicht. Die Individualisierung sei eine Hauptquelle der Paradoxien der Gegenwart, dort beginne sich das neue Subjekt herauszubilden, weniger solidarisch, mehr an Wettbewerb orientiert, höchst motiviert durch Narzismus, ein eher hedonistischer, autokratischer und selbstbezogener Typus.
Dieser Prozess der Individualisierung hat sich extrem beschleunigt, Individualisierung ist ein strategischer Bereich der Systementwicklung; dies beinhaltet die Fähigkeit, eine Identität der Person zu schaffen, die es den Individuen erlaubt, sich mit der Seinsfrage zu konfrontieren: Wer bin ich? Mittels der Primärbeziehungen in diesem Bereich werden Ethnie oder Religion langsam zu Wahlidentitäten, der Sieg des Ich über das Wir wird langsam aber sicher etwas Unstrittiges.
Am Beginn dieser Veränderungen, die neue Formen installiert, wie sich die Menschheit organisiert, steht der Beitrag der Information: "Eine Gesellschaft, die die Information als Hauptbeitrag nutzt überwindet die konstitutive Struktur der Erfahrung" (Mattelart, 2002). Die Fähigkeit, sich jedem Moment anzupassen, welcher immer es sein mag und was immer er verlangt, setzt – präzise gesagt – voraus, seine eigene Form zu überwinden. Es wird verlangt, ein stürmisches oder befriedigendes Leben zu führen. Dies ist die Entscheidung an der Basis sozialer und politischer Kompromisse. Den Preis des Kampfes, so kann man sagen, kennen wir heute noch nicht. Aber der Preis des Kampfes ergibt sich wenigstens in Verhältnis zum kurz- oder mittelfristigen Erfolg.
Sicher ist aber, dass unsere Praxis und unsere sozialen Beziehungen bereits zu "mutieren" beginnen. Die Diagnosen der Soziologie wagen bereits zu sagen, dass "das Soziale" "allen verfügbaren Raum einnimmt, nicht nur den physischen, sondern auch den mentalen und zwischenmenschlichen. Es gibt schon kein Außerhalb zum Sozialen mehr, es gibt weder Zeit noch Raum außerhalb des Sozialen" (Merlucci, 2001).
Welche sind dann aber die Identitäten, die uns in der Praxis gegen die neoliberale Hegemonie begleiten?
Das Problem ist "die Identität" in der einer Welt, die fragmentiert ist und in der es kaum Kontinuität gibt, in der alles sich zu vermischen scheint. Damit ist die Identitätsfrage zumindest eine problematische, aber sicher auch eine zentrale Frage. Dies bedeutet, die Identität als Problem zu denken, als Frage, nicht mehr. Also so wie das Projekt "Der Süden der Städte" sie als Hypothese formuliert hat: Was sind die Unterschiede, was die Parallelen in den Entwicklungen, wie sie heute in den Städten im Süden wie im Norden ge- und erlebt werden? Ist es möglich, unsere politischen Kämpfe zu vergleichen? Und wenn dies möglich ist, was sind dann erfolgreiche Elemente und Strategien und warum sind sie erfolgreich?
Bevor ich einige Ideen benenne, die sich aus dem 14tägigen Besuchsprogramm ergeben haben, das das Institut für Theologie und Politik organisiert hat, möchte ich ein Feld bereiten, auf dessen Basis diese Analyse verstanden werden kann.
Das Problem der Identität ist zentral. Das heißt aber auch, dass es heute interessant ist, dieses Konzept in die alltägliche Praxis gegen die Hegemonie zu integrieren. Denn hinter dem, was wir tun, gibt es einen gemeinsamen Hintergrund. Meiner Meinung nach ist es die gleiche gegenwärtige Gesellschaft, aus der die Antwort auf diese Problematik gegeben werden muss, nämlich indem die Prozesse innerhalb dieser hochkomplexen Gesellschaften anerkannt werden, in denen sich "die Differenzierung" (Melucci, 2001) im Sinne der gesellschaftlichen Erfahrung zeigt. Differenzierung setzt den dialektischen Gegenpol zur Identität.
Im aktuellen System können gleiche Handlungsmodelle nicht einfach in einen anderen Kontext übertragen werden, ohne modifiziert werden zu müssen. Das heißt: Unterschiede bringen Bewegungen hervor, oder Bewegungen schaffen aufgrund ihrer gegenwärtigen Bedingtheit Identitäten. Diese sind nicht notwendiger Weise genaue Reflexe verstreuter Kerne in bestimmten Räumen, sondern bestimmter verbundener Kerne dank ihre unterschiedlichen Bedingungen.
Ein anderer Charakterzug dieser Systeme ist ihre "Veränderbarkeit". Sie schaffen und entwickeln sich in ständig wechselnder Intensität und Häufigkeit. Die Bewegungen sind dauerhaft als Subjekte gefragt. Die Erfahrung ist nicht akkumulierbar und auch nicht vom einen zum anderen anpassbar.

berlin7.jpg Und schließlich: "Das Aktionsfeld, welches auf symbolischer Ebene verfügbar und bearbeitbar ist, übersteigt auf jeden Fall die aktuellen Fähigkeiten des Akteurs, so dass jeder Handlungsstrang unvollkommen bleibt im Verhältnis zum Ganzen der Möglichkeiten." (Melucci, 2001) Damit stellen wir diese Systeme in den Bereich der "Unsicherheit", wo die Erfahrung und der Erwerb in einem Feld in einem anderen Bereich keinen Wert hat. Es ist nicht übertragbar, führt vielmehr zur Problematik der Übertragbarkeit gesellschaftlichen Handelns als Regel, wird unmöglich, da es sich der Auswahlentscheidung nicht unterwirft. Die Unsicherheit wird zum Teil der Erfahrung.
Wir können zusammenfassen: Die Differenzierung der Erfahrungen schafft Identitäten durch die Existenz eines imaginierten Gemeinsamen, aber mit gesellschaftlich unterschiedlichen Praktiken und Aktionen.
Für jene, die sich nun als Teil einer Identität "fühlen", bekommt Bewegung damit aber eine sehr neue und grundlegend andere Bedeutung: Weder Grundsatzerklärungen noch Zieldefinitionen sind wirklich notwendig. Auswählen bedeutet entscheiden und dies bedeutet einen Verlust:
"Wir sind dazu bestimmt, auszuwählen und zu entscheiden. Aber wenn entscheiden – wie in Wortstamm "scheiden" besagt – auch eingrenzen oder verkürzen beinhaltet, dann wird die Möglichkeit des Verlustes zum Teil des alltäglichen Horizontes. Erfahrungen sammeln, handeln, sich mit anderen und der Welt treffen ist verflochten mit der Möglichkeit des Verlustes." (Melucci, 2001)
Das Handeln von Gruppen, immerhin Subjekte mit einer Identität, ist immer prekär, gefährdet, aber nicht nur deshalb in gewisser Weise mittellos; sie bilden sich als Gruppen aufgrund des Verlustes bestimmter Räume, die anderen "gehören"; von der Gesellschaft zurückgezogen beginnen einige die Eroberung von Alternativen zum bisher Bestehenden: das Recht auf Kommunikation z.B. als Vorrecht einiger wird als Verlust erfahren, der nur durch Aktion ausgeglichen werden kann, Aktion, mit der man sich identifiziert. Oder das Recht auf Wohnraum, als Vorrecht derjenigen, die das Geld haben, um ihn zu kaufen oder zu mieten, zeigt sich als Verlust, der nur durch eine gemeinsame Besetzung ausgeglichen werden kann. Das heißt: Das Subjekt ist bedingt durch die Informationsgesellschaft, ist nur durch diese Maßnahmen realisierbar und innerhalb dieser Spielregeln.
Die sozialen Akteure, wie z.B. in Chile diejenigen, die sich um das Recht auf Kommunikation organisieren, sind Persönlichkeiten, die sich mit Mitteln ausstatten, um dieses Recht auszuüben; das Recht, das sie als Individuen verloren haben, wodurch sie in ihrer Fähigkeit sich auszudrücken behindert werden; das Recht, das sie zur Aktion führt und zum sozialen Akteur macht, aus einer persönlichen und individuellen Motivation heraus.
Das Problem der Identität zeigt sich auf diese Weise als Verlust, als "dauernde Voraussetzung gegenwärtiger Erfahrung". Und die vorher formulierten Fragen müssen wir innerhalb eines Rahmens beantworten, der das gesellschaftlich-kollektive Handeln auf dem Hintergrund gegenwärtiger Zeit definiert: Wohin entwickelt sich die Identität? Die Frage, wer wir sind oder wer ich bin erscheint als Frage nicht oberflächlich. Es ist wichtig zu verstehen, dass man uns nie ganz identifizieren kann und nie dauerhaft.
Das Zeitalter der Information und der komplexen Systeme ist in sich höchst unsicher, weniger geschichtlich und sicherlich sehr deutlich mit der alltäglichen Erfahrung verknüpft, also dort, wo die Leitlinien sich im Handeln zeigen, in der Bewegung, die keinesfalls die Dauerhaftigkeit der Identitäten garantieren kann.
Die genannten Veränderungen führen uns also immer weiter weg von der Idee des einen Subjektes oder des einen Akteurs mit dem einen starken, quasi metaphysisch definierten Kern. Und sie lenken die Aufmerksamkeit auf Prozesse, durch die die Individuen und Gruppen Subjekte "schaffen", mit all den Schwierigkeiten in der Aufrechterhaltung und Benennung ihrer Identität. Identität schafft sich auf bestimmte, aber unterschiedliche Weise. Aufgrund dieser Unterschiedlichkeit und Unterscheidbarkeit aber ermöglicht sie es auch zu erkennen, dass - auch wenn die Kämpfe nicht alle gleich sind, weil die, die sie kämpfen, unterschiedliche Erfahrungen mitbringen - doch alle in einem Kontext stehen, der sich globalisiert hat. Dies öffnet realistischere Perspektiven , die sich vor dem Horizont unserer Utopien und Hoffnungen der Realisierbarkeit annähern. Denn das System, aufgrund seiner Struktur, ist darauf angelegt, räumliche Distanzen und Zeiten zu überwinden: Das Symbolische ist damit ein strategisch wichtiger Faktor, da die entstehende Aktion ihre Materialität verliert und damit im Rahmen der Repräsentativität unsicherer wird.
Anders gesagt: Warum sollten die Kämpfe von Frauen und Männern im formalen Sinne Ähnlichkeit haben? Wichtig ist das Wesen der Kämpfe, also zu wissen, welche Elemente grundlegend sind und damit auch, wie wir eine starke Identität finden können: Der Umbruch zu einer Gesellschaft, in der die Information ihr weitgehenstes Produkt ist, das den Neoliberalismus als Realisierungsprinzip oder Produktionssystem hat, ein Sytem, in dem also der Neoliberalismus sowohl Überbau als auch Infrastruktur ist - dieser Umbruch wirft ethische und fundamentale Fragen auf, die unseren Kämpfen Inhalt geben.
Deshalb hat der Vorschlag, sich auf die symbolischen Aspekte des Problems zu konzentrieren, meiner Meinung nach eine strategische Bedeutung, die zu berücksichtigen ist.
1) Entwicklungsunterschiede in den Gesellschaften
Der sogenannte entwickelte Staat, wie z.B. Deutschland, steht vor Problemen, die es in Chile so nicht gibt, da hier der Neoliberalismus als Modernisierungshandeln auf ein sogenanntes unterentwickeltes Land trifft. Mit Allende (1970-1973) strebt Chile eine Gleichheit wie in Deutschland an, aber mit einer Masse Armer, denen es nicht gelang, aus ihrer gesellschaftlichen, ökonomischen und kulturellen Situation herauszukommen. Die neoliberalen Reformen, die von der Diktatur Pinochets mit Gewalt eingeführt wurden, zielten auf eine Reprivatisierung einer Ökonomie, die vorher Reformen der "Nationalisierung" und "Verstaatlichung" von Unternehmen und Produktionsmitteln durchlaufen hatte.

chile-2.jpg Die Politik der sogenannten Chicago boys (neoliberale Wissenschaftler wie Milton Friedman, die in den 70er Jahren Chile als Experimentierfeld für ihre Ideen nutzten; Anm. des Übersetzers) begründete die kapitalistische Gesellschaft neu, und zwar auf der Basis eines im höchsten Maße repressiven Staates. Die politische und gesellschaftliche Organisation war im höchsten Maße durch die Repression dezimiert: Die Gewerkschaften waren illegal, politische und gesellschaftliche Führer ermordet oder verschwunden oder im Exil. Die Privatisierung der sozialen Sicherungssysteme und des Gesundheitswesens traf damit auf optimale Voraussetzungen.
Eine massive Deindustrialisierung schloss sich an. Sie sollte Chile zu einem Land machen, in dem Kapital unter der Bedingung der Globalisierung der Produktion gute Entwicklungsbedingungen findet. Es wurden im höchsten Maße antidemokratische Gesetze geschaffen, die in der Zeit dem neuen System die Wege ebneten. Dies war das Ziel der Militärdiktatur Pinochets: Eine legislative Macht (Militärjunta) zu schaffen, die den strukturellen Maßnahmen "Legalität" zu verschafft.
Eine weitere große Reform richtete sich auf das Erziehungswesen. Allgemeine Erziehung, als Ziel formuliert und angegangen durch die Einrichtung eines Systems des allgemeinen Erziehungswesens in den 1930er Jahren und ausgebaut durch die Regierung Präsident Allendes, wurden in Form und Inhalt ebenfalls zerstört. Die Schulen und Gymnasien des Landes sind in die Hand der Kommunen übergegangen, d.h. sind von den Stadtverwaltungen abhängig, die bis zum heutigen Tag sehr unterschiedlich sind. Einige haben mehr und andere weniger Mittel zur Verfügung. Das höhere Bildungswesen steht unter staatlicher Aufsicht, die humanistischen Ausbildungszweige (Soziologie, Psychologie, Journalismus etc.) sind im Verschwinden begriffen. Es werden herrschaftstechnische Ausbildungsgänge gefördert, die vor allen Dingen in den letzten zehn Jahren aufgebaut wurden.
Darüber hinaus hatte die Militärregierung verschiedene weitere Ziele: Die Kupferindustrie, die unter Allende verstaatlicht worden war, wurde wieder privatisiert; das öffentliche Gesundheitssystems ließ man verarmen, während der Aufbau privater Kliniken durch ein Gesetz über Einrichtungen privater Gesundheitsvorsorge unterstützt wurde, in dem sich heute über die Hälfte der Chilenen versorgen, während die öffentliche Gesundheitssystem mehr und mehr zusammenbricht. Hinzufügen muß man, dass zuletzt schleichend auch die öffentlichen Versorgungsunternehmen (Strom, Wasser, Gas) privatisiert wurden, allerdings geschah dies schon unter der Regierung von Eduardo Frei, also quasi unter demokratischer Kontrolle.
Dazu kommt ein Gesetz über die Kommunikationsmedien (Radio, Fernsehen und andere elektronische Kommunikationsmedien) aus dem Jahr 1982, nach dem Konzessionen für Radiofrequenzen an private Konsortien zur Nutzung für 25 Jahre übertragen wurden. Kürzlich, im Jahr 2003, wurden diese Rechte um acht weitere Jahre verlängert.
Das Thema Unsicherheit ist ursprünglich ein gesellschaftlicher Diskurs der rechten Parteien, jetzt aber auch der Concertación Democrática, also der offiziellen Regierungsallianz der mitte-links Parteien. Dieser Diskurs hat zu einem Klima der sozialen Kontrolle im öffentlichen Raum geführt, in den Straßen, Fußgängerzonen und Parks der großen Städte. Kontrolle per Videokameras, private Sicherheitsdienste und die Kontingente der chilenischen Polizei wachen über die Sicherheit der Chileninnen und Chilenen. Die Shopping Malls als Raum für die Entwicklung der Konsumgesellschaft erheben sich als große Vergnügungszentren, die den Zugang zur materiellen und symbolischen Welt des Neoliberalismus ermöglichen, an dessen Basis eine Kultur des Konsums steht.
Das politische Wahlsystem ist ein Erbe der Pinochet-Verfassung. Es konzentriert sich auf die großen Blöcke und schließt verschiedene Bereiche der Gesellschaft aus der parlamentarischen Vertretung aus. Vor einem Monat wurde die Verfassung geändert, indem die Macht des Präsidenten wieder gestärkt und die Macht der Militärführung beschnitten wurde. Gleichzeitig wurden die Posten der ernannten oder designierten Senatoren abgeschafft. Sie waren Pinochets Faustpfand und Sicherheit.
Die Stimmung und öffentliche Meinung ist quasi durch die Politik der Eigner der Medien bestimmt. Sie denken bei den Akteuren der zu vermittelnden öffentlichen Meinung ausschließlich an die Regierung und an die im Parlament vertretenen politischen Parteien. Die außerparlamentarische Linke und andere politische, gesellschaftliche und kulturelle Akteure bleiben ausgeschlossen. Damit existiert im Bereich öffentlicher Meinung eine starke Hegemonie der Positionen von parlamentarisch vertretenen Parteien, Spezialisten und Unternehmern. In diesem Sinn kann man von einer Besetzung des sogenannten Raumes der öffentlichen Meinung sprechen: der Raum ist bestimmt durch die Interessen derjenigen, die Geschäfte machen, und durch die Politik in Bezug auf diese Geschäftswelt, also den Neoliberalismus.
2) Die Konsumgesellschaft bietet bestimmte Illusionen einer Demokratisierung an, die den Bewohnern Chiles erlaubt zu glauben, es gebe eine "Entwicklung" in Bezug auf den Zugang zu den symbolischen und materiellen Gütern wie z.B. zur Telekommunikation, , zu elektrischen Haushaltsgeräten, zum Freizeitkonsum, wie ihn die Restaurants, Kinos und die Kulturindustrie allgemein anbieten. Die alltägliche demokratische Illusion hat, langsam aber sicher, jenen sozialdemokratischen Bereich erobert, der sich am Ideal des modernen Bürgers orientiert, wie ihn die vordiktatorischen Regierungen im Sinn hatten. Während Europa auf Kosten der Mittelklasse, der Migranten und der Arbeitslosen verarmt, gibt es in den lateinamerikanischen Ländern große Breschen zur marginalisierten Bevölkerung. Eine große Masse hat Zugang zum Konsum, trotz einer großen Ungleichheit im Einkommen. Sehr funktional und auch sehr prekär wird die Masse über stark differenzierte Angebote in den Konsum integriert.


3) Es wird eine Politik entworfen, die sich an der "Verwaltung der Armut" orientiert. Ziel ist es, verschiedenen Ebenen eines "würdigen Lebens" zu entwickeln im Kontext einer Gesellschaft, die durch eine starke Konzentration des Reichtums bei Unternehmern und ihren Technokraten geprägt ist. Ein erster Eindruck ist, dass in Deutschland Prozesse beginnen, die in die gleiche Richtung gehen. Der Wohlfahrtsstaat wird ersetzt. Deshalb bleibt aber klar: Die deutsche und die chilenische Entwicklung sind sowohl in ihrer zeitlichen Ausprägung als auch in den ökonomisch-politischen Strategien unterschiedlich.
4) Auf der Ebene gesellschaftlicher und politischer Organisation konzentriert sich in Chile alles auf die städtische Organisation, obwohl dies gemäß moderner Gesellschaft über eine Politik des Anspruchs geschieht. Und sie gleichen den Kämpfen für Verbraucherrechte, obwohl sie sich an der stadtpolitischen Dimensionen orientieren. Hier scheint mir die Erfahrung der BesetzerInnen in Berlin interessant, denn hier zeigt sich ein wichtiger Punkt. Diese Besetzungen sind im Bruch zwischen der Logik des "Rechts auf Wohnraum" und der Logik des "Rechts auf anderen Lebensstil" angesiedelt. Die Kämpfe haben sich in verschiedenen Bereichen autonomisiert: Kämpfe im Bereich der Kultur und dem Recht auf Kommunikation und Information; Kämpfe für Verbraucherrechte (es gibt Gesetze, die die Rechte der einen und die Pflichten der anderen regeln); politische Kämpfe, die jeden Tag stärker auf bestimmte Herausforderungen lokalisiert werden und das eigene Anliegen in die Politik und auf die Agenda bringen, z.B. Arbeitsgesetze, Rechte im Bereich der Geschlechterverhältnisse oder der Reproduktion, wobei es um eine tolerantere Gesellschaft geht; und Kämpfe in Unterstützungsgremien, denen nicht vergönnt ist, sich in wirklich politische Kämpfe zu entwickeln und auf Landesebene Bedeutung zu erlangen. Das heißt: Es sind fragmentierte Kämpfe, es gibt Brüche zwischen den einen und den anderen Konfliktfeldern, Streuungen, vielfache Identitäten und spezifische Zugehörigkeiten: es sind Kämpfe nach Kräften jedes einzelnen.

portoalegre2.jpg 5) Der Unterschied zwischen den sogenannten hochentwickelten Gesellschaften wie der deutschen und solchen auf dem Weg der Entwicklung, besteht in den Motivationen einerseits und objektiven Elementen andererseits. Wenn es Unterschiede gibt, bedeutet dies nicht, dass man keine Vergleiche ziehen könne oder Solidarität oder "der Internationalismus" seien unmöglich. Die Privatisierung und Kommerzialisierung öffentlicher städtischer Räume z.B. geschieht mehr oder weniger verschleiert, ist schwer zu erkennen, hinter anderen alltäglichen Entwicklungen versteckt. Der europäische Neoliberalismus agiert auf der Ebene des Symbolischen in anderer Weise, als wir es in Chile erleben. Es gibt eine elitäre Ausprägung in bestimmten Bereichen, die sich abgrenzt und formiert als Machtelite. Es werden Räume geschaffen, die für die große Zahl der Machtelite gedacht sind und auch nur oder hauptsächlich von diesen genutzt werden. In unseren Ländern ist der Konsum am Unterschied orientiert: der Unterschied der Einkommen. Die mittleren Bereiche der Gesellschaft sind verarmt und kleiner geworden. Die größten Kapitaleinkommen dagegen konzentrieren sich im oberen Fünftel der Gesellschaft.
Das tägliche Leben spielt sich praktisch in einem ambivalenten System ab, zwischen Ausgrenzung einerseits und Toleranz andererseits. Aber der Markt will die Teilnahme aller. In Deutschland orientiert sich – dies ist in gewisser Weise ein deutlicher Unterschied – die Privatisierung öffentlicher Räume am Modell der Homogenität, d.h. einem elitären Modell, welches, wenn man es weiterdenkt, an faschistische Konzepte erinnert. Der Potsdamer Platz in Berlin ist in diesem Sinn paradigmatisch. In Chile dagegen gibt es einige Shopping Malls, die allein für die Reichen zugänglich sind, aber der Markt hat solche gleichen Zeichen der Konsumgesellschaft in die Stadtbereiche der Mittelklasse und der unteren Klassen gebracht. Der Konsum soll sich intelligent, flexibel und demokratisch organisieren.
6) Wir brauchen politisches Handeln, das widerständig ist, widerständig im Kontext von Veränderungen, die auf ein neues gesellschaftliches Gefüge zielen, widerständig im Kontext einer abendländisch globalen Gesellschaft.
Das Ziel heißt Identität entwickeln. Aber dies muss in politischen Auseinandersetzungen und Kämpfen geschehen, die unterschiedlich sind und aus unterschiedlichen Motiven heraus gekämpft werden. Und es muss im Kontext eines Systems geschehen, das auch auf der symbolischen Ebene nach neuen Formen der Kontrolle einer Gesellschaft sucht, um seine Zukunftsfähigkeit zu sichern. Dies heißt: Der Konflikt spielt sich – aus zwei wesentlichen Gründen - auch auf der Ebene des Symbolischen ab.
- Der Neoliberalismus sucht nach Kontrolle der Veränderungsprozesse und nach Kontrolle über die Ausdrucksformen und Meinungen der Menschen, vor allen Dingen derjenigen, die sich am Privaten orientieren. Andererseits unterscheiden sich die aktuellen politischen Kämpfe von den emanzipatorischen Bewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts und erfordern deshalb neue Bilder und Ausdrucksformen. Der heutige Konflikt dreht sich um das Feld der Mentalität und der Einstellungen, deshalb sind die früheren Symbole der gesellschaftlichen Kämpfe sinnentleert. Veränderung und Revolution sind heute z.B. Paradigmen, die deutlich von den Privatunternehmen, ihren Managern und Werbestrategen besetzt worden sind.
- Solidarität und die Ausdrucksformen der aktuellen politischen Konflikte müssen in ihrer Unterschiedlichkeit gestärkt und gefestigt werden, damit sie in die persönlichen Haltungen und Einstellungen der Menschen zurückwirken und so ein Denken ermöglichen, in dem eine andere Welt möglich ist.

zusammenfassende O-Töne  von Leonel Yáñez (dt.)

--------------------------
Literatur:
Mattelard, A: Historia de la Sociedad de la Información. Paidos. Buenos Aires 2002.
Melucci, A: Vivencias y convivencias. Teoría social para una era de la información. Editorial Trotta. Madrid. 2001

--------------------------
Der Referent:
Leonel Yánez Uribe MA, Journalist, Kommunikationswissenschaftler, Dozent der Universidad Bolivariana de Santiago, Chile.


» Kommentar / Comment / Comentario »

Name Merken
Email
http://
Nachricht
  <?>